Hauptverantwortlicher Redakteur von Einer wird gewinnen, Zum Blauen Bock, Ein Platz für Tiere. Über 500 Sendungen. Vor der Kamera Kulenkampffs Butler „Herr Martin". In den Akten: NSDAP 1930, SS 1933, SS-Hauptscharführer 1936, gefälschter Adel. Und niemand hat je nachgesehen.
Als ich für euch 2024 den Heinz-Schenk-Film gemacht habe, bin ich im Hessischen Staatsarchiv über einen Aktenstreit gestolpert. Ein Mann, der gerichtlich seinen Adelsnamen verteidigte, den er nicht hatte. Sein bürgerlicher Name: Martin Jente. Den Namen kennen wir. Den Mann erst recht. Unser Butler Martin. Ich hatte diese Akten in der Hand und wusste: hier liegt etwas extrem Starkes — nur war die Geschichte für den Schenk-Film zu groß.
Dass Jente in der SS war, war keine Neuigkeit. Schon 2014 hatte die BILD-Zeitung den Befund in einem großen Artikel — Mitgliedsnummern, Beförderungsdaten, Dokumente aus dem Bundesarchiv. 2018 fiel der Satz erneut, diesmal in Regina Schillings Dokumentarfilm Kulenkampffs Schuhe im Ersten. Geschehen ist danach beide Male nichts. Es blieb bei der Schlagzeile, bei der Filmsequenz. Vier Wochen später war Jente wieder der Butler, der Kulenkampff den Mantel reicht.
Ich habe ein Jahr lang nachgesehen. Und es ist eine ganz andere Geschichte als die, die zweimal gemeldet und zweimal liegen geblieben ist.
Martin Jente, 1909 bis 1996, war einer der wichtigsten Männer der Goldenen Jahre des HR. Hauptverantwortlicher Redakteur — was beim HR damals „Produzent" hieß — von Einer wird gewinnen, Zum Blauen Bock, Ein Platz für Tiere. Über 500 Sendungen. Gleichzeitig: vor laufender Kamera der Butler „Herr Martin", der Samstagabend für Samstagabend Kulenkampff die Garderobe brachte. In den besten Jahren erreichte Einer wird gewinnen Einschaltquoten von 80, laut Welt bis zu 90 Prozent. Ein klassischer Straßenfeger.
Im HR-Archiv finde ich zu ihm: Radiomann, Kabarettist bei den „Hinterbliebenen", Reporter, Produzent. Geburtstage, Nachrufe, immer dieselbe Erzählung, immer dieselben Butlerbilder.
Was ich inzwischen weiß — in Auszügen, weil das ganze Material zu viel ist für einen Pitch:
Jente ist seit 1930 in der NSDAP, seit 1933 in der SS, ab 1936 SS-Hauptscharführer. Im selben Jahr heiratet er ohne die nach den Rassengesetzen vorgeschriebene SS-Genehmigung die Maskenbildnerin Ellen Turcsany — sie stammt aus jüdischer Familie, die Ehe ist verboten. Achtzehn Monate täuscht er das Sippenamt. Sie bekommen einen Sohn. Die Akte ist im Bundesarchiv. Sie ist nie geschlossen worden.
Im Februar 1938 verhängt Goebbels persönlich gegen den Rundfunksprecher Jente ein neunmonatiges Sprechverbot. Begründung der Reichsrundfunkleitung: Man höre ihm die innere Ablehnung der gesprochenen Texte an. So wird er es 1948 vor der Spruchkammer protokollieren lassen.
Spätestens 1944 trägt sein Berufsausweis der Reichstheaterkammer einen zweiten Namen: Martin Jente von Lossow. Der Adel ist erfunden. Wie es dazu kam, gibt Jente erst 1961 vor dem Staatsanwalt zu Protokoll, in einem Frankfurter Verfahren wegen Urkundenfälschung: Susanne Gipkens, die Geliebte aus jüdischer Familie, der er seit 1940 in Berlin nahekam, habe ihn „animiert", den Zusatz zu führen. Der schlichte Name Jente habe ihr nicht gereicht. Sie habe in seinen Ahnenpapieren entdeckt, dass die Großmutter väterlicherseits eine geborene v. Lossow gewesen sei. Das ist seine Version. Felix Krull pur.
Im Krieg ist Jente Marine-Oberleutnant zur See, Propagandakompanie, Schwarzes Meer, Krimschild, Deutsches Kreuz in Gold, am Ende dem Führerhauptquartier zugeordnet.
Dann das Berchtesgadener Land, Frühjahr 1945. Susanne, hochschwanger. Sie sucht Schutz im Schatten des Kehlsteinhauses, in einem Dorf namens Bayerisch Gmain. Drei Wochen nach der Kapitulation, am 9. Juni 1945, kommt in Bad Reichenhall Jentes Tochter zur Welt. Im Geburtseintrag des Standesamts tragen sich Vater und Mutter ein als Martin von Lossow und Maria Susanne von Lossow geb. von Lossow. Eine doppelte Identitätsfälschung mit Adelsprädikat, vier Wochen nach dem Ende des II. Reiches. Erst zwei Jahre später wird ein Amtsgericht die Lossow-Fiktion im Geburtsregister streichen.
Dazwischen: Haft. Im Februar 1947 setzt ihn die amerikanische Militärregierung Berchtesgaden in Untersuchungshaft. Vorwurf: Meldebogenfälschung. Er hat seine SS- und NSDAP-Vergangenheit verschwiegen. Drei Monate sitzt er. Im selben Frühjahr verschwindet Susanne. Sie zieht nach Kempten — mit der zweijährigen Cornelia und einem amerikanischen Offizier des Counter Intelligence Corps. Sie heiratet ihn.
Zwischen Kriegsende und HR-Einstellung spielt Jente in einem Wanderkabarett namens Die Hinterbliebenen. Gegründet von Hermann Mostar, mit dem ehemaligen NS-Propagandaregisseur Fritz Peter Buch als Mitbetreiber — in dessen Ferienhaus am Thumsee bei Bad Reichenhall, in dem zuvor seine jüdische erste Frau gelebt hatte, bis sie 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Bühnen-Antifaschismus mit präzise gemischten Vergangenheiten. Vierundzwanzig Vorhänge in München, Skandal mit dem bayerischen Kultusministerium, großer SPIEGEL-Artikel, dann Bruch in Würzburg 1949 — und nahtloser Wechsel zum HR.
Und mitten in dieser Phase, am 17. Juni 1946, stellt die amerikanische Militärregierung Jente einen Identifikationsausweis aus. Aussteller: Office of Military Government, Theatre & Music Control Branch — die Behörde, die in der US-Zone entscheidet, wer auftreten darf. Ausgestellt auf den Namen Martin Jente V. Lossow.
Was hier zu sehen ist: ein amerikanischer Stempel auf einer deutschen Lüge. Ein Jahr nach Kriegsende reist ein ehemaliger SS-Hauptscharführer mit Dienstpapieren der US-Militärregierung quer durch die Besatzungszone — unter einem Namen, von dem ein deutsches Gericht zwei Jahre später feststellen wird, dass es ihn nicht gibt. Wer hat überprüft, wer hat weggesehen, wer hat es gewusst? Das ist eine der Fragen, die der Film stellt.
Beckmann nimmt ihn. Bald berichtet Jente für den HR aus den Stadien, von den Premieren, aus den Salons der jungen Republik. 1958 ins Fernsehen. 1961 verurteilt ihn das Amtsgericht Frankfurt wegen Urkundenfälschung zu 300 DM Geldstrafe — er hat sein halbes Leben mit einer von ihm selbst nachgetippten Geburtsurkunde geführt, das gestand er ein. „von Lossow" verschwindet aus den Abspännen und HR-Briefköpfen. Aber die Karriere geht gerade erst richtig los: Herr Martin wird ein Star der deutschen Yellow Press. Werbeverträge, eigene Schallplatten, kleine Skandale, vermeintliche Affären. Anfang der achtziger Jahre dann das stille Ende — der Butler-Gag hat sich totgelaufen.
Was er darüber öffentlich gesagt hat: nichts.
Sein militärischer Nachlass — Soldbuch, PK-Ausweis, eine Geburtstagskarte an Hitler vom April 1939 — taucht später als Auktionslos auf einer Online-Plattform auf. Welches Auktionshaus, welches Datum, welcher Käufer — das gehört zu den Fragen, die diese Recherche noch zu klären hat. Bekannt ist nur: Das Inserat zitiert Jentes Dienstgrad korrekt, listet seine Auszeichnungen vollständig auf und nennt den hessischen Wohnort. Wer immer den Nachlass einlieferte, wusste genau, wessen Nachlass es war.
Eine Geschichte, die zweimal gemeldet
und zweimal liegen geblieben ist.
So habe ich auch beim Schenk-Film recherchiert — und so will ich diesen Film bauen. Nicht als Enthüllungsritual. Sondern als Spurensuche mit echten Drehungen, Wendungen, Sackgassen und Goldadern.
Eine Spur beginnt in einem Aktenkeller in Wiesbaden und führt nach Berlin-Lichterfelde, ins Bundesarchiv, wo eine SS-Heiratsakte aus dem Jahr 1936 darauf wartet, dass jemand sie zum ersten Mal vollständig liest. Eine zweite führt nach Bad Reichenhall, wo ein Standesbeamter im Juni 1945 zwei Eintragungen vornimmt, die nicht stimmen können — und der dort, mit ungerührter Handschrift, einen Adelsnamen erfindet, von dem er nicht weiß, dass er erfunden ist. Eine dritte führt in ein Münchener Findbuch und endet vor der Tür eines Aktenkartons, der seit 1949 nicht mehr aufgemacht wurde. Eine vierte führt über den Atlantik, an eine Adresse in Los Angeles, an der ein dreijähriges Kind im Oktober 1948 von einem amerikanischen Truppentransporter abgeholt wird — und an deren Bewohner ich bis heute nicht herankomme. Eine fünfte führt nach Köln, wo ein älterer Herr 2024 stirbt, dessen Name unverändert geblieben ist, seit ihn sein Vater 1937 verließ. Jeder dieser Stränge ist seinerseits eine kleine Geschichte. Und jede dieser kleinen Geschichten verändert die große.
Die zentrale Frage hängt nicht in der Luft, sie strukturiert das Erzählen: War Jente Täter, Mitläufer oder Beschützer? Die Antwort wird sich bewusst nicht auflösen lassen. Das ist die dramaturgische Stärke des Stoffes. Der Zuschauer sitzt in der Jury.
Über 500 Sendungen liegen im HR-Archiv. Schwarzweißbilder von einem Mann im Frack, der Mantel und Hut reicht. Späte Talkshow-Auftritte, in denen Jente vom Wanderkabarett und vom guten alten Sender erzählt. Geburtstagsporträts, immer derselbe Werdegang, immer dieselbe Lücke. Diese Bilder sind unser Anker — vertraut, warm, und je länger der Film läuft, desto fremder werden sie.
Die Bundesarchiv-Dokumente, die Spruchkammerakte, der Geburtseintrag aus Bad Reichenhall, die SS-Heiratsakte, das Soldbuch — grafisch spannend aufgearbeitet und präsentiert. Eine NSDAP-Karteikarte ist ein Bild. Eine Geburtsurkunde mit gestrichenem Adelsnamen ist ein Bild. Die Dinge sprechen.
Bad Reichenhall, Bayerisch Gmain, das Berchtesgadener Land — wir fahren dorthin, wo die Lossow-Identität entstand, wo Cornelia geboren wurde, wo die „Hinterbliebenen" auftraten, wo der Thumsee liegt. Die Bilder dieser Voralpenlandschaft, in der ein SS-Mann nach 1945 zum Bühnen-Antifaschisten wurde, sind nicht Kulisse. Sie sind Argument. Und wenn es darstellbar ist, fliegen wir nach Los Angeles und treffen den Mann, der mit Cornelia, der zweiten verlorenen Tochter, achtundzwanzig Jahre verheiratet war.
Als Setzung zur Diskussion: Garderobe HR-Funkhaus, frühe sechziger Jahre. Ein Mann zieht den Frack an, die Lackschuhe, die weißen Handschuhe. Mustert noch einmal den streng gezogenen Scheitel. Übt das Lächeln. Dann betritt er die Bühne. Wir sehen ihn nur von hinten oder im Spiegel. Dieses Bild würde sich als wiederkehrendes Motiv durch den Film ziehen, jedes Mal, wenn die Erzählung in eine neue Schicht der Lebenslüge eintaucht. Sparsam, präzise, kein Spielfilm-Pomp.
Was den Film aus der bisherigen Schlagzeilen-Logik heraushebt: er erklärt. Was bedeutet ein SS-Eintrag 1933 — was wusste, was tat man? Was war eine Propagandakompanie? Was waren die „Hinterbliebenen", und welche Logik hatte eine Spruchkammer in Rosenheim 1949, einen SS-Hauptscharführer mit gefälschten Papieren als „Mitläufer" zu entlasten? Wie kann derselbe Mann acht Monate später beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk anfangen, unter einem Namen, von dem das Gericht gerade festgestellt hatte, dass er ihm nicht zusteht?
Wolfszeit, Wunderland, jetzt Höhenflug. Niemand erzählt die Jahre 1945 bis 1965 so präzise, so menschlich, so wenig richterlich. Jähners Bücher sind die Tonspur, die diese Jente-Biographie braucht, damit aus einer Akte ein Mensch wird und aus einem Mann eine Generation.
Und dann das Eigentliche: Jente funktioniert nach 1945 in einem Land, das ihn braucht. Er erfindet eine Kunstfigur — den dezent ironischen Butler — die genau jene wiederaufkommende Bürgerlichkeit bedient, an deren Aushöhlung zwölf Jahre zuvor er selbst beteiligt war. Er wird reich. Er macht Margarine-Werbung. Er macht eine Platte. Er streitet mit dem Sender über seinen Namen. Er hat eine dritte Ehe, von der ich bisher fast nichts weiß. Er liegt 1996 in Wiesbaden. Sein Nachlass taucht Jahre später auf einer Online-Auktionsplattform auf.
Das Material liegt zu großen Teilen vor. Aus dem Bundesarchiv, vom Internationalen Suchdienst, vom Stadtarchiv Bad Reichenhall, von der Israelitischen Kultusgemeinde München, aus US-Einwanderungsunterlagen, von Spruchkammer-Findmitteln, aus Arolsen. Der HR-Archiv-Bestand und das Hessische Staatsarchiv haben mir den Einstieg gegeben.
Was offen ist und in den nächsten Monaten abgeschlossen werden muss: die Kölner Spur zum verstorbenen Sohn und seiner Witwe; der Kontakt zum Witwer der Tochter in Los Angeles; die Spruchkammer-Originalakte in München (Karton 4203 — die Bestellnummer liegt vor); die fast unrecherchierten Jahre mit der dritten Ehefrau Sybille; die Frage, wer den Nachlass eingeliefert hat und an wen er verkauft wurde.
Ich möchte den Film gerne allein machen. Beim Schenk-Film haben wir mit dem SWR koproduziert und Kompromisse gemacht, die ich rückblickend nicht alle gut finde. Jente ist eine HR-Geschichte, durch und durch: ein hessischer Sender, sein größter Strippenzieher hinter der Bühne, ein verschwiegenes Jahrhundert. Sie gehört hierher.
Mein Vorschlag: eine Langform für die ARD-Mediathek — 75 bis 90 Minuten, Erstausstrahlung HR, anschlussfähig an die ARD-Themenwoche. Im Rücken eine Nadelstich-Begleitung in der Hessenschau und auf hessenschau.de: kurze, quellengestützte Beiträge zwischen vier und fünf Minuten, jeder mit einem Fund, einem Fragezeichen, einem Cliffhanger. Daraus ergäbe sich nicht nur ein zweiter publizistischer Auswertungspfad, sondern auch ein realistisches Modell, den Rechercheaufwand zu refinanzieren, der bei diesem Stoff alles übersteigt, was eine Langform allein tragen kann.
Was die Rechte angeht: Wir wissen aus dem Schenk-Projekt, wie heikel und wie machbar das ist. Wir sind gebrannte Kinder und denken die Rechtekette diesmal von Anfang an mit. Und wir machen es diesmal besser.
Seit März 2026 sind die rund 12,7 Millionen NSDAP-Karteikarten beim US-Nationalarchiv kostenlos online. Die ZEIT hat im April eine eigene Suchmaschine dafür freigeschaltet. Das Bundesarchiv bearbeitet über 75.000 persönliche Anfragen im Jahr. Eine ganze Enkelgeneration sucht plötzlich nach den Großeltern, die nie geredet haben.
Was bisher fehlt — und was unser Sender besser kann als jede andere Institution — ist die Einordnung. Was bedeutet so ein Fund? Was sagt eine NSDAP-Nummer wirklich, was eine SS-Heiratsakte, was ein „entlastet Artikel 13"? Wir haben den seltenen Fall, dass das politische Moment, der Quellenstand, die Hauptfigur und das Sendegedächtnis zusammenfallen. Das Fenster ist offen.
Ich habe beim Schenk-Film gezeigt, was sich aus einem Archiv heben lässt — und dass eine relevante Aufarbeitung im eigenen Haus möglich ist. Genau das wäre auch hier der Weg: ein HR-Stoff, mit HR-Mitteln, aus dem HR-Archiv heraus. Jente ist die größere, dunklere, am Ende auch wärmere Geschichte — weil hinter dem Butler nicht nur ein SS-Mann steckt, sondern auch ein Familienkomplex, ein Land im Umbau, ein Sender, der jemanden engagiert, ohne genau hinzusehen, und ein Mann, der das genau wusste.