Pitch HR — Kul­tur­phä­no­men
Mai 2026 · Ver­trau­lich
Vor­schlag für eine HR-Do­ku­men­ta­ti­on

Wisst ihr
ei­gent­lich, wer
Martin Jente war?

Haupt­ver­ant­wort­li­cher Re­dak­teur von Einer wird ge­win­nen, Zum Blauen Bock, Ein Platz für Tiere. Über 500 Sen­dun­gen. Vor der Kamera Ku­len­kampffs Butler „Herr Martin". In den Akten: NSDAP 1930, SS 1933, SS-Haupt­scha­r­füh­rer 1936, ge­fälsch­ter Adel. Und nie­mand hat je nach­ge­se­hen.

Martin Jente („Herr Martin") mit Heinz Schenk · HR-Archiv

Als ich für euch 2024 den Heinz-Schenk-Film ge­macht habe, bin ich im Hes­si­schen Staats­a­r­chiv über einen Ak­ten­streit ge­stol­pert. Ein Mann, der ge­richt­lich seinen Adels­na­men ver­tei­dig­te, den er nicht hatte. Sein bür­ger­li­cher Name: Martin Jente. Den Namen kennen wir. Den Mann erst recht. Unser Butler Martin. Ich hatte diese Akten in der Hand und wusste: hier liegt etwas extrem Star­kes — nur war die Ge­schich­te für den Schenk-Film zu groß.

Dass Jente in der SS war, war keine Neu­ig­keit. Schon 2014 hatte die BILD-Zei­tung den Befund in einem großen Ar­ti­kel — Mit­glieds­num­mern, Be­för­de­rungs­da­ten, Do­ku­men­te aus dem Bun­de­s­a­r­chiv. 2018 fiel der Satz erneut, dies­mal in Regina Schil­lings Do­ku­men­ta­r­film Ku­len­kampffs Schuhe im Ersten. Ge­sche­hen ist danach beide Male nichts. Es blieb bei der Schlag­zei­le, bei der Film­se­quenz. Vier Wochen später war Jente wieder der Butler, der Ku­len­kampff den Mantel reicht.

Ich habe ein Jahr lang nach­ge­se­hen. Und es ist eine ganz andere Ge­schich­te als die, die zwei­mal ge­mel­det und zwei­mal liegen ge­blie­ben ist.

01 Worum es geht

Eine Volks­i­ko­ne —
und eine Akte, die nie­mand ge­öff­net hat.

Martin Jente, 1909 bis 1996, war einer der wich­tigs­ten Männer der Gol­de­nen Jahre des HR. Haupt­ver­ant­wort­li­cher Re­dak­teur — was beim HR damals „Pro­du­zent" hieß — von Einer wird ge­win­nen, Zum Blauen Bock, Ein Platz für Tiere. Über 500 Sen­dun­gen. Gleich­zei­tig: vor lau­fen­der Kamera der Butler „Herr Martin", der Sams­tag­abend für Sams­tag­abend Ku­len­kampff die Gar­de­ro­be brach­te. In den besten Jahren er­reich­te Einer wird ge­win­nen Ein­schalt­quo­ten von 80, laut Welt bis zu 90 Pro­zent. Ein klas­si­scher Stra­ßen­fe­ger.

Bis heute hängt sein er­fun­de­nes Adels­wap­pen hinter dem Oh­ren­ses­sel in seinem Wohn­zim­mer. Nie­mand hat es ab­ge­nom­men.

Im HR-Archiv finde ich zu ihm: Ra­di­o­mann, Ka­ba­ret­tist bei den „Hin­ter­blie­be­nen", Re­por­ter, Pro­du­zent. Ge­burts­ta­ge, Nach­ru­fe, immer die­sel­be Er­zäh­lung, immer die­sel­ben But­ler­bil­der.

Junger Martin Jente, Passfoto aus SS-Heiratsakte
Vor dem Butler. Pass­fo­to, Mitte der 1930er. Aus seiner SS-Hei­rats­ak­te im Bun­de­s­a­r­chiv. Die Ziffer „6" und die Risse stam­men aus der NS-Ak­ten­hef­tung.
Tele-Magazin-Cover, 3. Oktober 1968 — Jente als EWG-Butler
Auf dem Cover. Tele, die große Fern­sehil­lus­trier­te, Nr. 40 vom 3. Ok­to­ber 1968. „EWG-Diener mit Mit­tel­schei­tel".

Was ich in­zwi­schen weiß — in Aus­zü­gen, weil das ganze Ma­te­ri­al zu viel ist für einen Pitch:

Jente ist seit 1930 in der NSDAP, seit 1933 in der SS, ab 1936 SS-Haupt­scha­r­füh­rer. Im selben Jahr hei­ra­tet er ohne die nach den Ras­sen­ge­set­zen vor­ge­schrie­be­ne SS-Ge­neh­mi­gung die Mas­ken­bild­ne­rin Ellen Turcsa­ny — sie stammt aus jü­di­scher Fa­mi­lie, die Ehe ist ver­bo­ten. Acht­zehn Monate täuscht er das Sip­pen­amt. Sie be­kom­men einen Sohn. Die Akte ist im Bun­de­s­a­r­chiv. Sie ist nie ge­schlos­sen worden.

Parteistatistische Erhebung 1939 — NSDAP-Fragebogen für Martin Jente
Bun­de­s­a­r­chiv · R 9361-I/1472 Par­tei­sta­tis­ti­sche Er­he­bung · 1. Juli 1939

Im Fe­bru­ar 1938 ver­hängt Go­eb­bels per­sön­lich gegen den Rund­funkspre­cher Jente ein neun­mo­na­ti­ges Sprech­ver­bot. Be­grün­dung der Reichs­rund­funk­lei­tung: Man höre ihm die innere Ab­leh­nung der ge­spro­che­nen Texte an. So wird er es 1948 vor der Spruch­kam­mer pro­to­kol­lie­ren lassen.

Reichskulturkammer-Ausweis Martin Jente — Bühnenname von Lossow
Reichs­kul­tur­kam­mer. Reichs­the­a­ter­kam­mer, Fach­schaft Bühne. Mit­glieds­nr. 76 754. Büh­nen­na­me „Martin Jente von Lossow" — ein­ge­tra­gen spä­tes­tens 1944.

Spä­tes­tens 1944 trägt sein Be­rufs­aus­weis der Reichs­the­a­ter­kam­mer einen zwei­ten Namen: Martin Jente von Lossow. Der Adel ist er­fun­den. Wie es dazu kam, gibt Jente erst 1961 vor dem Staats­an­walt zu Pro­to­koll, in einem Frank­fur­ter Ver­fah­ren wegen Ur­kun­den­fäl­schung: Su­san­ne Gip­kens, die Ge­lieb­te aus jü­di­scher Fa­mi­lie, der er seit 1940 in Berlin na­he­kam, habe ihn „ani­miert", den Zusatz zu führen. Der schlich­te Name Jente habe ihr nicht ge­reicht. Sie habe in seinen Ah­nen­pa­pie­ren ent­deckt, dass die Groß­mut­ter vä­ter­li­cher­seits eine ge­bo­re­ne v. Lossow ge­we­sen sei. Das ist seine Ver­si­on. Felix Krull pur.

Im Krieg ist Jente Marine-Ober­leut­nant zur See, Pro­pa­gand­a­kom­pa­nie, Schwa­r­zes Meer, Krim­schild, Deut­sches Kreuz in Gold, am Ende dem Füh­rer­haupt­quar­tier zu­ge­ord­net.

Dann das Berch­tes­ga­de­ner Land, Früh­jahr 1945. Su­san­ne, hoch­schwan­ger. Sie sucht Schutz im Schat­ten des Kehl­stein­hau­ses, in einem Dorf namens Baye­risch Gmain. Drei Wochen nach der Ka­pi­tu­la­ti­on, am 9. Juni 1945, kommt in Bad Rei­chen­hall Jentes Toch­ter zur Welt. Im Ge­burt­s­ein­trag des Stan­des­amts tragen sich Vater und Mutter ein als Martin von Lossow und Maria Su­san­ne von Lossow geb. von Lossow. Eine dop­pel­te Iden­ti­täts­fäl­schung mit Adels­prä­di­kat, vier Wochen nach dem Ende des II. Rei­ches. Erst zwei Jahre später wird ein Amts­ge­richt die Lossow-Fik­ti­on im Ge­burts­re­gis­ter strei­chen.

Da­zwi­schen: Haft. Im Fe­bru­ar 1947 setzt ihn die ame­ri­ka­ni­sche Mi­li­tär­re­gie­rung Berch­tes­ga­den in Un­ter­su­chungs­haft. Vor­wurf: Mel­de­bo­gen­fäl­schung. Er hat seine SS- und NSDAP-Ver­gan­gen­heit ver­schwie­gen. Drei Monate sitzt er. Im selben Früh­jahr ver­schwin­det Su­san­ne. Sie zieht nach Kemp­ten — mit der zwei­jäh­ri­gen Cor­ne­lia und einem ame­ri­ka­ni­schen Of­fi­zier des Coun­ter In­tel­li­gence Corps. Sie hei­ra­tet ihn.

Er wird 1949 ent­las­tet. Ar­ti­kel 13. Mit­läu­fer.

Zwi­schen Kriegs­en­de und HR-Ein­stel­lung spielt Jente in einem Wan­der­ka­ba­rett namens Die Hin­ter­blie­be­nen. Ge­grün­det von Her­mann Mostar, mit dem ehe­ma­li­gen NS-Pro­pa­gan­da­re­gis­seur Fritz Peter Buch als Mit­be­trei­ber — in dessen Fe­ri­en­haus am Thum­see bei Bad Rei­chen­hall, in dem zuvor seine jü­di­sche erste Frau gelebt hatte, bis sie 1943 nach Ausch­witz de­por­tiert und er­mor­det wurde. Bühnen-An­ti­fa­schis­mus mit prä­zi­se ge­misch­ten Ver­gan­gen­hei­ten. Vier­und­zwan­zig Vor­hän­ge in Mün­chen, Skan­dal mit dem baye­ri­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um, großer SPIE­GEL-Ar­ti­kel, dann Bruch in Würz­burg 1949 — und naht­lo­ser Wech­sel zum HR.

Und mitten in dieser Phase, am 17. Juni 1946, stellt die ame­ri­ka­ni­sche Mi­li­tär­re­gie­rung Jente einen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­aus­weis aus. Ausstel­ler: Office of Mi­li­ta­ry Go­ver­n­ment, The­a­tre & Music Con­trol Branch — die Be­hör­de, die in der US-Zone ent­schei­det, wer auf­tre­ten darf. Aus­ge­stellt auf den Namen Martin Jente V. Lossow.

US-Armee-Identifikationsausweis vom 17. Juni 1946 für Martin Jente V. Lossow
OMGUS · Office of Mi­li­ta­ry Go­ver­n­ment for Ger­ma­ny (United States) · 17. Juni 1946 Hes­si­sches Staats­a­r­chiv

Was hier zu sehen ist: ein ame­ri­ka­ni­scher Stem­pel auf einer deut­schen Lüge. Ein Jahr nach Kriegs­en­de reist ein ehe­ma­li­ger SS-Haupt­scha­r­füh­rer mit Dienst­pa­pie­ren der US-Mi­li­tär­re­gie­rung quer durch die Be­sat­zungs­zo­ne — unter einem Namen, von dem ein deut­sches Ge­richt zwei Jahre später fest­stel­len wird, dass es ihn nicht gibt. Wer hat über­prüft, wer hat weg­ge­se­hen, wer hat es ge­wusst? Das ist eine der Fragen, die der Film stellt.

Beck­mann nimmt ihn. Bald be­rich­tet Jente für den HR aus den Sta­di­en, von den Pre­mie­ren, aus den Salons der jungen Re­pu­blik. 1958 ins Fern­se­hen. 1961 ver­ur­teilt ihn das Amts­ge­richt Frank­furt wegen Ur­kun­den­fäl­schung zu 300 DM Gelds­tra­fe — er hat sein halbes Leben mit einer von ihm selbst nach­ge­tipp­ten Ge­burts­ur­kun­de ge­führt, das ge­stand er ein. „von Lossow" ver­schwin­det aus den Ab­spän­nen und HR-Brief­köp­fen. Aber die Kar­rie­re geht gerade erst rich­tig los: Herr Martin wird ein Star der deut­schen Yellow Press. Wer­be­ver­trä­ge, eigene Schall­plat­ten, kleine Skan­da­le, ver­meint­li­che Af­fä­ren. Anfang der acht­zi­ger Jahre dann das stille Ende — der Butler-Gag hat sich tot­ge­lau­fen.

Drei Kinder · Drei Ver­lus­te
Mi­cha­el  ·  *5.7.1937
Sohn aus erster Ehe mit der Mas­ken­bild­ne­rin Ellen Turcsa­ny, die aus jü­di­scher Fa­mi­lie stamm­te. Ver­lo­ren durch Schei­dung 1943. Trägt bis zu seinem Tod 2024 in Köln den Namen Jente — ohne Adels­zu­satz. Witwe lo­ka­li­siert.
Cor­ne­lia  ·  *9.6.1945
Un­ehe­li­che Toch­ter mit Su­san­ne Gip­kens. Emi­griert 1948 als Drei­jäh­ri­ge mit ihrer jü­di­schen Groß­mut­ter, ver­mit­telt vom Ame­ri­can Jewish Joint Dis­tri­bu­ti­on Com­mit­tee, nach Los An­ge­les. Jente sucht sie 1959 ver­geb­lich. † 2009, Marina del Rey. Witwer ge­fun­den.
Alex­an­dra  ·  *21.11.1949 † 21.11.1949
Toch­ter aus zwei­ter Ehe. Lebt einen Tag. Ein­ge­tra­gen unter dem damals be­reits ge­richt­lich ab­er­kann­ten Adels­na­men. Jente meldet ihren Tod per­sön­lich beim Stan­des­amt.

Was er dar­über öf­fent­lich gesagt hat: nichts.

Sein mi­li­tä­ri­scher Nach­lass — Sold­buch, PK-Aus­weis, eine Ge­burts­tags­kar­te an Hitler vom April 1939 — taucht später als Auk­ti­ons­los auf einer Online-Platt­form auf. Wel­ches Auk­ti­ons­haus, wel­ches Datum, wel­cher Käufer — das gehört zu den Fragen, die diese Re­cher­che noch zu klären hat. Be­kannt ist nur: Das In­se­rat zi­tiert Jentes Dienst­grad kor­rekt, listet seine Aus­zeich­nun­gen voll­stän­dig auf und nennt den hes­si­schen Wohn­ort. Wer immer den Nach­lass ein­lie­fer­te, wusste genau, wessen Nach­lass es war.

Eine Ge­schich­te, die zwei­mal ge­mel­det
und zwei­mal liegen ge­blie­ben ist.

02 Was das für einen Film ist

Eine De­tek­tiv­ge­schich­te.
Nicht als Tri­bu­nal.

So habe ich auch beim Schenk-Film re­cher­chiert — und so will ich diesen Film bauen. Nicht als Ent­hül­lungs­ri­tu­al. Son­dern als Spu­ren­su­che mit echten Dre­hun­gen, Wen­dun­gen, Sack­gas­sen und Gold­a­dern.

Eine Spur be­ginnt in einem Ak­ten­kel­ler in Wies­ba­den und führt nach Berlin-Lich­ter­fel­de, ins Bun­de­s­a­r­chiv, wo eine SS-Hei­rats­ak­te aus dem Jahr 1936 darauf wartet, dass jemand sie zum ersten Mal voll­stän­dig liest. Eine zweite führt nach Bad Rei­chen­hall, wo ein Stan­des­be­am­ter im Juni 1945 zwei Ein­tra­gun­gen vor­nimmt, die nicht stim­men können — und der dort, mit un­ge­rühr­ter Hand­schrift, einen Adels­na­men er­fin­det, von dem er nicht weiß, dass er er­fun­den ist. Eine dritte führt in ein Mün­che­ner Find­buch und endet vor der Tür eines Ak­ten­kar­tons, der seit 1949 nicht mehr auf­ge­macht wurde. Eine vierte führt über den At­lan­tik, an eine Adres­se in Los An­ge­les, an der ein drei­jäh­ri­ges Kind im Ok­to­ber 1948 von einem ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen­trans­por­ter ab­ge­holt wird — und an deren Be­woh­ner ich bis heute nicht her­an­kom­me. Eine fünfte führt nach Köln, wo ein äl­te­rer Herr 2024 stirbt, dessen Name un­ver­än­dert ge­blie­ben ist, seit ihn sein Vater 1937 ver­ließ. Jeder dieser Strän­ge ist sei­ner­seits eine kleine Ge­schich­te. Und jede dieser klei­nen Ge­schich­ten ver­än­dert die große.

Die zen­tra­le Frage hängt nicht in der Luft, sie struk­tu­riert das Er­zäh­len: War Jente Täter, Mit­läu­fer oder Be­schüt­zer? Die Ant­wort wird sich be­wusst nicht auf­lö­sen lassen. Das ist die dra­ma­tur­gi­sche Stärke des Stof­fes. Der Zu­schau­er sitzt in der Jury.

Vier vi­su­el­le Ebenen, die sich ver­zah­nen

Ebene 01 · Ar­chiv­ma­te­ri­al

Die But­ler­bil­der, gegen den Strich

Über 500 Sen­dun­gen liegen im HR-Archiv. Schwa­rz­weiß­bil­der von einem Mann im Frack, der Mantel und Hut reicht. Späte Talk­show-Auf­trit­te, in denen Jente vom Wan­der­ka­ba­rett und vom guten alten Sender er­zählt. Ge­burts­tags­por­träts, immer der­sel­be Wer­de­gang, immer die­sel­be Lücke. Diese Bilder sind unser Anker — ver­traut, warm, und je länger der Film läuft, desto frem­der werden sie.

Ebene 02 · Die Akten

Do­ku­men­te in Groß­auf­nah­me

Die Bun­de­s­a­r­chiv-Do­ku­men­te, die Spruch­kam­merak­te, der Ge­burt­s­ein­trag aus Bad Rei­chen­hall, die SS-Hei­rats­ak­te, das Sold­buch — gra­fisch span­nend auf­ge­ar­bei­tet und prä­sen­tiert. Eine NSDAP-Kar­tei­kar­te ist ein Bild. Eine Ge­burts­ur­kun­de mit ge­stri­che­nem Adels­na­men ist ein Bild. Die Dinge spre­chen.

Ebene 03 · Die Reise

Berch­tes­ga­de­ner Land — und Los An­ge­les

Bad Rei­chen­hall, Baye­risch Gmain, das Berch­tes­ga­de­ner Land — wir fahren dort­hin, wo die Lossow-Iden­ti­tät ent­stand, wo Cor­ne­lia ge­bo­ren wurde, wo die „Hin­ter­blie­be­nen" auf­tra­ten, wo der Thum­see liegt. Die Bilder dieser Vor­al­pen­land­schaft, in der ein SS-Mann nach 1945 zum Bühnen-An­ti­fa­schis­ten wurde, sind nicht Ku­lis­se. Sie sind Ar­gu­ment. Und wenn es dar­stell­bar ist, flie­gen wir nach Los An­ge­les und tref­fen den Mann, der mit Cor­ne­lia, der zwei­ten ver­lo­re­nen Toch­ter, acht­und­zwan­zig Jahre ver­hei­ra­tet war.

Ebene 04 · Ree­nact­ment (Set­zung)

Der Butler, der gerade ent­steht

Als Set­zung zur Dis­kus­si­on: Gar­de­ro­be HR-Funk­haus, frühe sech­zi­ger Jahre. Ein Mann zieht den Frack an, die Lack­schu­he, die weißen Hand­schu­he. Mus­tert noch einmal den streng ge­zo­ge­nen Schei­tel. Übt das Lä­cheln. Dann be­tritt er die Bühne. Wir sehen ihn nur von hinten oder im Spie­gel. Dieses Bild würde sich als wie­der­keh­ren­des Motiv durch den Film ziehen, jedes Mal, wenn die Er­zäh­lung in eine neue Schicht der Le­bens­lü­ge ein­taucht. Spar­sam, prä­zi­se, kein Spiel­film-Pomp.

Was den Film aus der bis­he­ri­gen Schlag­zei­len-Logik her­aus­hebt: er er­klärt. Was be­deu­tet ein SS-Ein­trag 1933 — was wusste, was tat man? Was war eine Pro­pa­gand­a­kom­pa­nie? Was waren die „Hin­ter­blie­be­nen", und welche Logik hatte eine Spruch­kam­mer in Ro­sen­heim 1949, einen SS-Haupt­scha­r­füh­rer mit ge­fälsch­ten Pa­pie­ren als „Mit­läu­fer" zu ent­las­ten? Wie kann der­sel­be Mann acht Monate später beim öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funk an­fan­gen, unter einem Namen, von dem das Ge­richt gerade fest­ge­stellt hatte, dass er ihm nicht zu­steht?

Genau für diese Er­klär­last braucht der Film einen Er­zäh­ler dieser Zeit.
Ich würde gerne Harald Jähner ge­win­nen.

Wolfs­zeit, Wun­der­land, jetzt Hö­hen­flug. Nie­mand er­zählt die Jahre 1945 bis 1965 so prä­zi­se, so mensch­lich, so wenig rich­ter­lich. Jäh­ners Bücher sind die Ton­spur, die diese Jente-Bio­gra­phie braucht, damit aus einer Akte ein Mensch wird und aus einem Mann eine Ge­ne­ra­ti­on.

Jente reicht Kulenkampff den Mantel — Einer wird gewinnen
Das Ritual. Am Ende jeder Folge von „Einer wird ge­win­nen" reicht Jente Ku­len­kampff Mantel, Hut, Schal und Schirm. Spitze Be­mer­kung. Pointe. Vor­hang.

Und dann das Ei­gent­li­che: Jente funk­tio­niert nach 1945 in einem Land, das ihn braucht. Er er­fin­det eine Kunst­fi­gur — den dezent iro­ni­schen Butler — die genau jene wie­der­auf­kom­men­de Bür­ger­lich­keit be­dient, an deren Aus­höh­lung zwölf Jahre zuvor er selbst be­tei­ligt war. Er wird reich. Er macht Mar­ga­ri­ne-Wer­bung. Er macht eine Platte. Er strei­tet mit dem Sender über seinen Namen. Er hat eine dritte Ehe, von der ich bisher fast nichts weiß. Er liegt 1996 in Wies­ba­den. Sein Nach­lass taucht Jahre später auf einer Online-Auk­ti­ons­platt­form auf.

03 Stand & Plan

Der Stoff steht.
Jetzt müssen wir ihn zum Flie­gen brin­gen.

Das Ma­te­ri­al liegt zu großen Teilen vor. Aus dem Bun­de­s­a­r­chiv, vom In­ter­na­ti­o­na­len Such­dienst, vom Stadt­a­r­chiv Bad Rei­chen­hall, von der Is­ra­e­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Mün­chen, aus US-Ein­wan­de­rungs­un­ter­la­gen, von Spruch­kam­mer-Find­mit­teln, aus Arol­sen. Der HR-Archiv-Be­stand und das Hes­si­sche Staats­a­r­chiv haben mir den Ein­stieg ge­ge­ben.

Was offen ist und in den nächs­ten Mo­na­ten ab­ge­schlos­sen werden muss: die Kölner Spur zum ver­stor­be­nen Sohn und seiner Witwe; der Kon­takt zum Witwer der Toch­ter in Los An­ge­les; die Spruch­kam­mer-Ori­gi­na­l­ak­te in Mün­chen (Karton 4203 — die Be­stell­num­mer liegt vor); die fast un­re­cher­chier­ten Jahre mit der drit­ten Ehe­frau Sy­bil­le; die Frage, wer den Nach­lass ein­ge­lie­fert hat und an wen er ver­kauft wurde.

Wie ich mir das vor­stel­le

Ich möchte den Film gerne allein machen. Beim Schenk-Film haben wir mit dem SWR ko­pro­du­ziert und Kom­pro­mis­se ge­macht, die ich rü­ck­bli­ckend nicht alle gut finde. Jente ist eine HR-Ge­schich­te, durch und durch: ein hes­si­scher Sender, sein größ­ter Strip­pen­zie­her hinter der Bühne, ein ver­schwie­ge­nes Jahr­hun­dert. Sie gehört hier­her.

Mein Vor­schlag: eine Lang­form für die ARD-Me­dia­thek — 75 bis 90 Mi­nu­ten, Erst­ausstrah­lung HR, an­schluss­fä­hig an die ARD-The­men­wo­che. Im Rücken eine Na­del­stich-Be­glei­tung in der Hes­sen­s­chau und auf hes­sen­s­chau.de: kurze, quel­len­ge­stütz­te Bei­trä­ge zwi­schen vier und fünf Mi­nu­ten, jeder mit einem Fund, einem Fra­ge­zei­chen, einem Cliff­han­ger. Daraus ergäbe sich nicht nur ein zwei­ter pu­bli­zis­ti­scher Aus­wer­tungs­pfad, son­dern auch ein re­a­lis­ti­sches Modell, den Re­cher­che­auf­wand zu re­fi­nan­zie­ren, der bei diesem Stoff alles über­steigt, was eine Lang­form allein tragen kann.

Was die Rechte angeht: Wir wissen aus dem Schenk-Pro­jekt, wie heikel und wie mach­bar das ist. Wir sind ge­brann­te Kinder und denken die Rech­te­ket­te dies­mal von Anfang an mit. Und wir machen es dies­mal besser.

Warum jetzt

Seit März 2026 sind die rund 12,7 Mil­li­o­nen NSDAP-Kar­tei­kar­ten beim US-Na­ti­o­na­l­a­r­chiv kos­ten­los online. Die ZEIT hat im April eine eigene Such­ma­schi­ne dafür frei­ge­schal­tet. Das Bun­de­s­a­r­chiv be­a­r­bei­tet über 75.000 per­sön­li­che An­fra­gen im Jahr. Eine ganze En­kel­ge­ne­ra­ti­on sucht plötz­lich nach den Gro­ß­el­tern, die nie ge­re­det haben.

Was bisher fehlt — und was unser Sender besser kann als jede andere In­sti­tu­ti­on — ist die Ein­ord­nung. Was be­deu­tet so ein Fund? Was sagt eine NSDAP-Nummer wirk­lich, was eine SS-Hei­rats­ak­te, was ein „ent­las­tet Ar­ti­kel 13"? Wir haben den sel­te­nen Fall, dass das po­li­ti­sche Moment, der Quel­len­stand, die Haupt­fi­gur und das Sen­de­ge­dächt­nis zu­sam­men­fal­len. Das Fens­ter ist offen.

Ich habe beim Schenk-Film ge­zeigt, was sich aus einem Archiv heben lässt — und dass eine re­le­van­te Auf­a­r­b­ei­tung im ei­ge­nen Haus mög­lich ist. Genau das wäre auch hier der Weg: ein HR-Stoff, mit HR-Mit­teln, aus dem HR-Archiv heraus. Jente ist die grö­ße­re, dunk­le­re, am Ende auch wär­me­re Ge­schich­te — weil hinter dem Butler nicht nur ein SS-Mann steckt, son­dern auch ein Fa­mi­li­en­kom­plex, ein Land im Umbau, ein Sender, der je­man­den en­ga­giert, ohne genau hin­zu­se­hen, und ein Mann, der das genau wusste.

Lasst uns reden.
Sven
Sven Was­kö­nig  ·  HR Kul­tu­ru­nit  ·  Pitch, Mai 2026  ·  Ver­trau­lich